Pinning beschreibt die Neigung eines Kurses, sich zum Verfall an einem Ausübungspreis mit hoher Gamma-Konzentration festzusetzen. Der Kurs wird dort wie von einem Magneten in einer engen Spanne gehalten.
Der Grund liegt in der Absicherung. Sind die Optionshändler an einem Strike stark long Gamma, kaufen sie den Basiswert bei Rückgängen und verkaufen ihn bei Anstiegen, um ihr Risiko neutral zu halten. Dieses Handeln gegen die Bewegung zieht den Kurs immer wieder zum Strike zurück.
Der Effekt ist am größten kurz vor dem Verfall und an Strikes mit viel Optionsinteresse, weil das Gamma einer Option am Geld dann seinen höchsten Wert erreicht. Beim DAX ist er rund um die großen ODAX-Verfallstage besonders gut zu beobachten. Nach dem Verfall verschwindet das Interesse, und das Pinning löst sich.
Pinning setzt ein dämpfendes, positives Gamma-Regime voraus. Im negativen Regime kehrt sich die Wirkung um, und statt Festhalten entsteht Beschleunigung. Ob ein Strike tatsächlich pinnt, ist eine Tendenz, keine Regel.
Pinning beschreibt die Beobachtung, dass sich der Kurs zum Verfall hin in der Naehe von Strikes mit grossem Bestand aufhaelt. Beim DAX hat dieser Effekt eine harte zeitliche Grenze, die im amerikanischen Vorbild fehlt: die Abrechnung der Monatsserie entsteht aus der Xetra-Auktion ab 13:00 MEZ.
Danach existiert die auslaufende Serie nicht mehr, ihre Absicherung ist aufgeloest, und der Nachmittag des dritten Freitags ist von diesem Effekt frei. Im S&P 500 laeuft der Verfall bis zum Handelsschluss; wer die dortige Beschreibung uebernimmt, erwartet am DAX-Nachmittag etwas, dessen Ursache um 13 Uhr weggefallen ist.
Der zweite Punkt betrifft die Strikes selbst. Die Eurex legt sie in festen Abstaenden auf, weshalb die grossen Bestaende fast immer auf glatten Zahlen liegen, siehe Call Wall und Put Wall. Dass ein Kurs sich in der Naehe einer runden Zahl aufhaelt, ist damit zuerst eine Eigenschaft der Kontraktarchitektur und erst danach eine Aussage ueber Absicherung.
Und die grundsaetzliche Einschraenkung: Pinning ist eine statistische Beobachtung ueber viele Verfallstage, kein Mechanismus, der an einem einzelnen Tag greifen muesste. Die zugrundeliegende Konzentration beschreibt absolutes Gamma.
Ein zweiter Punkt betrifft die Verfallsart. Der beschriebene Effekt setzt voraus, dass es fuer die auslaufende Serie ueberhaupt noch Absicherungsbedarf gibt. Bei europaeischen Optionen wie dem ODAX ist das bis zur Abrechnung der Fall, danach nicht mehr. Bei amerikanischen Optionen kann vorzeitige Ausuebung den Bestand schon vorher veraendern. Die Mechanik ist also nicht nur zeitlich, sondern auch strukturell eine andere als im haeufig zitierten Aktienmarkt, siehe ODAX-Verfall. Die verbreitete Zusammenfassung derselben Bestandsverteilung in eine einzige Zahl ist Max Pain.
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